Pilgerwege in Deutschland – Neue Kraft schöpfen

In früheren Zeiten galt das Pilgern fast ausschließlich als religiöses Motiv. Mittlerweile wird heute auch gepilgert, ohne dass man einer bestimmten Religion angehören muss. Entweder um dem Alltagsstress zu entkommen, den Kopf frei zu bekommen oder ein neues Ziel zu erreichen. Trotz allem bleibt der Pilgerweg ein sehr spiritueller Weg zu sich selbst.

Landschaft in Deutschland bei Sonnenuntergang
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Wann ist ein Weg ein Pilgerweg?

Die Pilgerreise ist in allen Weltreligionen eine besondere Art, die Beziehung zu Gott zu pflegen. Die Pilger machen sich auf den Weg, um mit ihrem Gott eine Verbindung aufzunehmen oder sie zu stärken. Zurück geht der Brauch des Pilgerns auf eine Erfahrung, die gläubige Menschen gemacht haben. Denn vielen Berichten nach, spürten die Reisenden auf dem Weg oder an bestimmten Orten göttliche Kräfte. Die Pilger machen sich auf den Weg zu einem heiligen Ort, der oft eine lange Reise bedeutet. Der Brauch ist schon Jahrtausende alt und es gibt ihn in allen Religionen. Das Wort “pilgern” kommt aus dem Lateinischen (“pergere” oder “per agere”) und bedeutet “wandern” und “in der Fremde sein”. Als Menschen sind wir ständig unterwegs – tagtäglich. Deshalb wird das Pilgern auch als eine Grundhaltung des Menschen gesehen. Jedoch pilgern wir in unserem gewohnten Umfeld umher – zur Arbeit, zum Sport, zu Partys und Freunden. Auf einer Pilgerreise in die Fremde sind die Erfahrungen und Erlebnisse des Weges das Wesentliche und das, was viele Menschen tief berührt und bewegt.

"Der Weg ist das Ziel."

Egal auf welchem Pilgerweg man sich befindet, eines verbindet alle Wege: Man ist stets auch auf der Reise zu sich selbst. Und dies ist auch oft der wahre Grund des Pilgerns und unterscheidet den Pilgerweg von einer normalen Wanderung.

Das Phänomen des Pilgerns

Bereits im Alten Testament wurde das Pilgern beschrieben. Abraham gilt als einer der ersten Pilger. Er suchte mit seiner Familie das verheißene Land Kanaan und auch für ihn standen die Erlebnisse unterwegs im Vordergrund. Im Laufe der Geschichte wurden die Orte, an denen Jesus sich aufgehalten hatte, zu beliebten Pilgerzielen. An diesen heiligen Orten wurden Wallfahrtskirchen errichtet, die das Pilgern auch für die nachfolgenden Generationen von Christen attraktiv machten. Erst später, mit Beginn der Heiligenverehrung wurden auch Gräber von Märtyrern und Heiligen zu Anziehungspunkten für die Pilgernden. Im Mittelalter hofften die Menschen auf eine Heilung beim Pilgern, wodurch ein regelrechter “Pilgerboom” einsetzte.

Seit einigen Jahren ist das Pilgern in Europa wiederentdeckt worden. Das generell steigende Interesse an Kultur und auch der Wunsch nach Entschleunigung locken viele Menschen auf diese Wege. Das Pilgern bedeutet zusätzlich auch eine Kur für Körper, Seele und Geist.

Pilger auf einem Pilgerweg am Morgen
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Wallfahrt und Pilgerweg – Was ist der Unterschied?

Das Pilgern und die Wallfahrt werden oft gleichwertig verwendet, allerdings gibt es zwischen beiden große Unterschiede.

Die Wallfahrt ist eine rein katholische Tradition, bei der das Ziel sowie die Ankunftszeit bereits feststehen – Sie ist also eine Art Programm oder eine konkrete Unternehmung und führt meist an einen besonderen religiösen Wallfahrtsort. Man betrachtet am Ende den erreichten Ort und die mit ihm verbundene Geschichte. Oft erfolgen zielorientierte Wallfahrten in einer Gruppe, in der Volksglaube und die Kirche eine größere Rolle spielen als bei einer Pilgerreise, bei der eine große Strecke zu Fuß zurückgelegt wird. Außerdem orientiert sich die Pilgerwanderung nicht unbedingt an der eigenen Religion und am Glauben.

Deutschlands schönste Pilgerwege

Beuroner Jakobsweg

Damals waren die Jakobswege nicht nur Pilgerpfade, sondern wurden auch als Handelsstraßen genutzt. Seit jeher werden sie mit dem Symbol einer gelben Muschel gekennzeichnet. Der Beuroner Jakobsweg hat eine Länge von 74 Kilometern und ist in vier Etappen unterteilt. Du kannst ihn aber auch nach deinen eigenen Vorstellungen erwandern. Auf dem Weg begegnest du dem Benediktinerkloster. Dort kannst du eine Kloster- und Wallfahrtskirche besichtigen.

Bonifatius Route

Die Bonifatius Route führt durch die Weinberge des Rheingaus. Beginn ist der Mainzer Dom. Der Weg führt durch das Fuldaer Land mit seinen Fachwerkhäusern. Besonders beeindruckend sind die Spuren der früheren vulkanischen Aktivität in dieser Region. Die Route ist rund 182 Kilometer lang und endet vor dem Fuldaer Dom.

Hermannsweg

Auf diesem Pilgerweg folgt ihr den Spuren von Hermann, dem Cherusker. Er schlug die Römer im Teutoburger Wald bei der Varusschlacht. Der Hermannsweg hat eine Länge von 156 Kilometern und endet in Marsberg. Du passierst historische Denkmäler und Bauwerke sowie das deutsche Naturwunder Externsteine.

Jakobsweg mit Wegmarkierung
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Der Jakobsweg wird durch eine goldene Muschel gekennzeichnet.


Lutherweg

Der Reformator Martin Luther wanderte angeblich damals vom Reichstag in Worms bis zur Wartburg in Eisenach. Nach dem 500. Jahrestag der Reformation wurde der Lutherweg erweitert, damit Pilger alle wichtigen Lebensstätten Luthers besichtigen können. Das grüne L kennzeichnet den Weg, der zwischendurch parallel zur Via Regia oder dem Jakobsweg läuft.

Alte Salzstraße

Auf dieser historischen Handelsroute, auf der damals das Salz transportiert wurde, fahren heute vor allen Dingen Radfahrer durch das Herzogtum Lauenburg. Die Route ist insgesamt 116 Kilometer lang und führt dich am Kloster Lüne und dem Schiffshebewerk Scharnebeck vorbei. Auf deiner Route liegen unter anderem auch das Holstentor und das Buddenbrookhaus.

Deutsche Märchenstraße

Wie der Name bereits ankündigt, bist du auf diesem Pilgerweg den Lebensstationen der Gebrüder Grimm auf der Spur. Die Strecke ist rund 600 Kilometer lang und führt doch von Hanau über verschiedenste Wege bis nach Bremen.

Eifelsteig

Dieser Pilgerweg verbindet die beiden Städte Aachen und Trier miteinander. Du passierst den Eifeler Nationalpark. Auf diesem Weg kannst du die beiden Klöster Steinfeld und Himmerod besichtigen. Die 313 Kilometer lange Route gilt als landschaftlich besonders abwechslungsreich, vorbei an Europas größtem Hochmoor, dem Hohen Venn, den verkarsteten Kalkfelsen und den Sandsteinhöhlen.

Loccum-Volkenroda

Auch wenn er nicht historisch belegt ist, folgt der Pilgerweg von Loccum-Volkenroda den Spuren der Zisterzienser Mönche und Nonnen und verbindet ihre ehemaligen Klöster Loccum und Volkenroda.

Ökumenischer Pilgerweg

Dieser Pilgerweg führt von Görlitz bis nach Vacha. Auf dieser Strecke gibt es ein dichtes Netz an ehrenamtlichen, christlichen Herbergen. Genau wie der Jakobsweg, ist auch dieser mit der gelben Muschel ausgezeichnet, denn er bildet in Richtung Santiago de Compostela eine wichtige Verbindung von Osten nach Westen. Insgesamt hat er eine Länge von 466 Kilometern.

Elisabethpfade

Es gibt drei Pilgerwege, die unter dem Namen Elisabethpfad stehen. Sie führen von Köln, Frankfurt und Eisenach bis nach Marburg an das Grab der Heiligen Elisabeth. Die Kirche am Ziel war auch damals schon ein beliebter Pilgerort.

Gebrüder Grimm Denkmal
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Wie fit muss man zum Pilgern sein?

Im Prinzip kann jeder auf einem Pilgerweg wandern. Grundsätzlich gilt aber, dass man mehr als fünf Kilometer am Stück wandern können sollte. Natürlich ist es von Vorteil, wenn du ein guter Wanderer bist und dich gern bewegst. Allerdings kannst du Tempo und Tagesstrecke selbst bestimmen. Auch wenn du am Tag nur fünf Kilometer zurück legst, wirst du deine Fitness von Tag zu Tag verbessern und dich an die Belastung gewöhnen.

Normalerweise gibt es für jede Pilgerroute auch Alternativen, sodass du dir nach deinen körperlichen Voraussetzungen die richtige Strecke auswählen kannst. Die durchschnittliche Tagesleistung von guten Wanderern liegt bei etwa 25 Kilometern. Es gibt allerdings bei jedem Pilgerweg auch verschiedene Etappen, bei denen du zum Beispiel weniger Strecke schaffst, da es mehr Steigung gibt. Du solltest dich von der Vorstellung frei machen, Höchstleistungen erbringen zu müssen. Es hilft zwar, eine mögliche Tagesleistung vorher realistisch einzuschätzen, aber es geht beim Pilgern auch um die Erlebnisse während des Wanderns und die sollte man in Ruhe genießen können.

Weitere Fragen, die du dir vor eine Pilgerwanderung stellen wirst, könnten diese hier sein:

“Gehe ich lieber allein oder in Gesellschaft?”
“Wie gehe ich mit dem Allein-Sein um?”
“Was kann mir auf dem Weg passieren?”

Du solltest dir nicht zu viele Gedanken machen, sondern einfach loslegen. Es kann dabei nicht mehr passieren als bei einer Tageswanderung in deinem Umfeld. Auf dem Jakobsweg, der durch Spanien führt, gibt es eine gute Infrastruktur und ein funktionierendes Gesundheitssystem. Hilfreich kann es hier sein, ein paar grundlegende spanische Begriffe zu erlernen, damit bei einem gesundheitlichen Engpass schnelle Hilfe gewährt ist. In unserer Packliste findest du auch einige Utensilien, die dir im schlimmsten Fall bei der Selbstverteidigung helfen können.

Einen Pilgerweg allein zu beschreiten, kann durchaus ungewohnt sein. Aber nach einer Eingewöhnungszeit wirst du die Zeit allein genießen und dich entspannen können. Oftmals findest du auf einem Pilgerweg aber auch Gleichgesinnte oder sogar potentielle Freundschaften. Besonders auf Pilgerwegen, die durch die Natur führen, kannst du die Landschaft genießen und mal in dich gehen. Wer nicht gern allein ist, erlebt beim Pilgern Gleichklang, Stolz und Selbstvertrauen!

Packliste Pilgerweg

Oft erkennst du einen erfahrenen Pilger am geringen Gepäck. Wichtig ist die Funktionalität des Gepäcks, da du es jeden Tag auf den Schultern tragen wirst. Es zählt also:

1. Plane gut und nimm im Zweifel einen Teil weniger mit.
2. Spare nicht an der Ausrüstung!

Du solltest beachten, dass das Gewicht des Rucksacks nicht unbedingt auf die Kondition auswirkt, sondern auch eine Last für Bänder, Knochen und Sehnen sein kann.

Deine Packliste für den Pilgerweg:

  • Tekking-Schuhe und -hosen
  • Poncho / Regenjacke
  • T-Shirts und Langarmshirts
  • Turnhose
  • Fleece-Pullover
  • Winddichte Jacke
  • Hut oder Tuch
  • 3 Paar Wandersocken
  • Funktionswäsche
  • Sonnenbrille
  • Dreieckstuch
  • Gürtel
  • Badesachen
  • Sandalen
  • Schlafsack
  • Isomatte
  • Wasserflasche
  • Taschenlampe
  • Taschenmesser
  • Handwaschmittel


Tipp: Packe deine Utensilien in einzelne Plastiktaschen. Auch wenn bei Regen der Poncho über den Rucksack gezogen wird, kann es sehr klamm werden im Rucksack.

Landschaft an einer Küste
© philipp-deus/unsplash

Kosten

Pilgern kann sehr günstig, aber leider auch relativ teuer werden. Den Jakobsweg kannst du mit überschaubarem Budget beschreiten und sogar mit weniger Kosten wegkommen, als bei einem Urlaub. Wer allerdings fünf Wochen lang lieber in teuren Hotels übernachtet anstatt in günstigen Herbergen, wird mit deutlich höheren Kosten rechnen müssen.

Du kannst mit folgenden Kosten rechnen:

Übernachtung

Öffentliche Herbergen am Pilgerweg sind in der Regel sehr günstig. Oft akzeptieren diese auch Spenden. Hotelzimmer können für ein Einzelzimmer durchaus auch mal 45 Euro pro Nacht kosten. Private Herbergen sind ein guter Kompromiss. Die bieten nämlich etwas mehr Komfort und sind nicht ganz so teuer wie Hotelzimmer. Das eigene Zelt ist eine weitere günstige Option.

Verpflegung

Wer auf dem Weg häufiger in der Herberge selbst kocht, Picknicks macht und nicht in Restaurants geht, spart natürlich Geld. Auf den bekannten Pilgerwegen gibt es sogenannte Pilgermenüs, die um die zehn Euro kosten. Neben drei Gängen beinhaltet das Menü oft auch eine Flasche Wein oder Bier.

An- und Abreise

Bei den meisten Pilgern wird die An- und Abreise mit dem Flugzeug geschehen. Hier gilt genau wie im Urlaub: Wer früh bucht, spart Geld. Günstiger, aber auch zeitaufwendig ist die Alternative per Zug oder mit dem Fernbus. Seit 2018 gibt es einen Pilgerbus, der zwischen Deutschland und St. Jean Pied de Port (Startpunkt Jakobsweg) verkehrt. Selbstverständlich musst du nicht durch ganz Europa pilgern. Auch innerhalb von Deutschland kannst du sehr schöne Pilgerwege beschreiten und musst dir weniger Gedanken um die An- und Abreise machen.

Ausrüstung

Wie eingangs empfohlen, solltest du an der Ausrüstung für den Pilgerweg nicht sparen. Sie ist essentiell für dein Wohlbefinden und muss durchdacht sein. Es ist unmöglich, einen Pauschalbetrag für die Pilgerreise zu nennen: Wenn du bereits einen Grundstock an Ausrüstung besitzt, kannst du mit weniger Ausgaben wegkommen. Allerdings ist die hohe Funktionalität enorm wichtig. Beispielsweise sollte die Kleidung, die du mitnimmst, sehr kompakt und leicht sein, damit sie nicht zu viel Platz im Rucksack wegnimmt, schnell trocknet und bei Hitze atmungsaktiv bleibt.

Fazit

Eine Pilgerreise hat so Manchen schon eine Erleuchtung beschert. Du kannst Freunde und den Weg zu dir selbst finden. Du wirst auch Erfahrungen sammeln, die dir in deinem Leben weiterhelfen können. Mit einem Tagebuch kannst du jeden Tag deiner Reise dokumentieren, denn das reflektieren der Wanderung ist besonders wichtig. Nach einer Pilgerreise ist es nicht optimal, direkt wieder in den Alltag überzugehen. Nimm dir etwas Zeit, um die Reise noch einmal Revue passieren zu lassen.
Du solltest solch eine Reise sehr gut planen und dir sicher sein, dass du sie wirklich machen und durchziehen willst. Einmal beschritten, wird das Pilgern dir einen anderen Blick auf viele Dinge geben und dich bereichern.